Frische Ausgabe Nr. 77 / Apr 18

Cover Nr. 77  April 2018

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Heft 74 der hastuzeit ist am 4. Oktober erschienen und wird an Instituten, Bibliotheken und Mensen verteilt.

Mai 2018 hastuPAUSE Online 0

Sie morden im Schatten

Der Mai hat mit mörderisch guter Unterhaltung begonnen. Die CRIMINALE war zu Gast in Halle und hatte über 250 KrimiautorInnen im Gepäck. Neben vielen Lesungen und anderen Veranstaltungen konnten interessierte LeserInnen auch an einigen Vorträgen des Autorenkongresses teilnehmen. Den Anfang machten drei Drehbuchautoren und eine Drehbuchautorin. Sie stellten sich im Kongresszentrum des Dormero Hotels der Frage, wie schwer es ist, den perfekten Mord auf die Leinwand zu bringen.

Foto: Anne Ost

Im Jahr laufen allein im ZDF um die 450 Kriminalfilme und auch wer den ARD-Tatort nicht schaut, hat auf alle Fälle wenigstens davon gehört. Die Namen von großen Serien und deren Hauptcharakteren sind bekannt und auch die RegisseurInnen werden bei besonders gelungenen Filmen lobend erwähnt. Die eigentlichen ErfinderInnen der Figuren und Handlungen führen hingegen ein Schattendasein.

Die Autorin Dina El-Nawab ist eine von ihnen. Seit 2001 schreibt sie für die ARD-Serien Großstadtrevier und Morden im Norden sowie für die ZDF-Serie Notruf Hafenkante. Ihr Co-Autor für das Großstadtrevier, Markus Stromiedel, schreibt auch für Serien wie SOKO und Tatort. Er hat den Kieler Tatort-Kommissar Klaus Borowski, der von Axel Milberg gespielt wird, erfunden. Andreas Izquierdo behauptet von sich selbst, er sei käuflich, da seine Schreibtätigkeit von Serien wie Cobra 11 bis hin zum Bergdoktor reicht. Matthias Herbert ist schon seit 30 Jahren im Geschäft. Angefangen hat alles mit seinem ersten Drehbuch für die Serie Ein Fall für zwei, seitdem hat er über 300 Drehbücher geschrieben. Mehr, mehr, mehr

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Alles eine Frage der Zeit…

Es ist wieder Zeit. Semesteranfang. Sommerzeit. Eine neue hastuzeit und ein paar neue Fragen zur Zeit. Zeitmanagement, Zeitstress, Zeiteinteilung, Zeitlosigkeit, Zeitgefühl, Zeitbegrenzung, Zeitempfinden …

Okay, wann sind wir denn nun diese ganze Diskussion um die Zeit los? Es ist doch offensichtlich: Wir haben nicht genug Zeit, brauchen mehr Zeit, wollen mehr Zeit. Aber was fangen wir mit der gewonnenen Zeit an? Mehr Lernen, mehr Freunde treffen, mehr … Also das, was wir jetzt schon machen. Aber was hält uns jetzt davon ab?! Gleichzeitig scheint die Zeit uns in manchen Momenten nur so durch die Finger zu rinnen, während uns dagegen in anderen Situationen nichts übrig bleiben mag, als sie tot zu schlagen. Die Zeit gibt den Takt für unseren Alltag vor und scheint so fast schwebend auf unser universelles Dasein einzuwirken. Wir drehen uns immerzu im Kreise und bleiben schließlich still stehen, wie gefangen, zwischen Stunden, Minuten, Sekunden … Mehr, mehr, mehr

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Epilog des Todes

Der Verlust einer nahestehenden Person ist wohl eine der gravierendsten und prägendsten Situationen, die ein Mensch erleben kann. Nach einer solchen Hiobsbotschaft stehen bürokratische Verpflichtungen nicht ganz oben auf der Prioritätenliste. Einige Bemerkungen zum Umgang mit der schlimmsten aller Erfahrungen.

Illustration: Gregor Borkowski

Ob man sich lang darauf vorbereiten konnte, beispielsweise durch eine andauernde Pflegephase, oder aber unerwartet von diesem Schicksalsschlag getroffen wird – Trauer, Verlust und seelischer Schmerz sind niemals ohne Weiteres zu verkraften. Denn obwohl der Tod zum Leben gehört und man sich dessen normalerweise auch bewusst ist, scheint dieser Gedanke eine völlig neue Bedeutung zu gewinnen, sobald man persönlich von der Erfahrung betroffen ist und sich mit den Konsequenzen auseinandersetzen muss. Für diese Art von Schmerz ist man vermutlich niemals bereit.

Nach dem ersten Schock und Tagen in vollkommener Lethargie, in denen man das Gefühl hat, sich selbst zu verlieren, und sich um einen Teil der eigenen Biografie betrogen fühlt, hört das Leid nicht auf; eher nimmt es fast schon groteske Formen an: Die Bürokratie verlangt Aufmerksamkeit, und man kommt nicht umhin, sich mit den organisatorischen Aspekten eines Todesfalles zu befassen. Mehr, mehr, mehr

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Das Wort zum Wort

Eine vielleicht etwas ambivalente Kolumne über Kommunikation zwischen und mit Menschen. Sie beobachtet und kommentiert. Und vielleicht will sie auch manchmal irgendwie eingreifen. Diesmal heißt es Abschied nehmen.

Illustration: Gregor Borkowski

»Time to say Goodbye« – ich verfluche mein Autoradio und ein kleines bisschen den Menschen, der sich diesen Klassiker von Andrea Bocelli und Sarah Brightman gerade in der Sendung mit den Hörerwünschen gewünscht hat. Ich muss an das nahende Ende meines Studiums denken und werde sentimentaler, als ich eigentlich möchte. Dann drehe ich das Radio doch lauter und lasse meine Gedanken kreisen.

Abschied scheint zunehmend negativ konnotiert. (Außer vielleicht für Politiker, für die die Verabschiedung eines Gesetzes bedeutet, dass sie sich damit erst mal nicht mehr befassen müssen. Das müssen dann eben andere tun.) Das hat sicher auch seine Berechtigung; dennoch finde ich, dass es nicht ganz so einfach ist. Abschiede sind vielfältig und irgendwie auch etwas ganz Natürliches.

Das Leben ist geprägt durch stetigen Wandel und Veränderungen; da bleiben auch Abschiede nicht aus. Mehr, mehr, mehr

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Wenn das Ziel im Weg ist…

Wir schicken unseren rasenden Reporter (welcher sich an die Straßenverkehrsordnung hält), um der Leipziger Buchmesse eine entzückende Geschichte zu entlocken. Ob ihm dies trotz des Schneechaos gelungen ist, verrät dieser Bericht.

Foto: Jonas Leonhardt

Es ist Sonntag, der 18. März 2018, 12.58 Uhr. Mit eisigen Fingern schreibe ich meine Notizen im Zug nieder. Es ist der letzte Tag der Leipziger Buchmesse. Ich sitze in der S3, welche sich auf dem Weg zum Leipziger Hauptbahnhof befindet. Von dort wird hoffentlich eine Bahn zur Messe fahren. Ein Kompromiss, den ich angesichts des Schnees und der Kälte in Kauf nehmen muss. Mein Körper beginnt sich langsam zu erwärmen. Er ist nicht ausgekühlt, weil ich unpassende Kleidung trage oder einen Hang zum Erfrieren habe. Nein. Es liegt eher daran, dass meine Reise um 11.58 Uhr am Reileck begann und nach meinem Ausstieg am – nicht gerade wohltemperierten – Hauptbahnhof ihr vorübergehendes Ende nahm. Dort gab mir die Anzeigetafel häufiger Hoffnung, nur um diese dann wenig später zu zerstören. Eine große Menschenmasse tummelte sich vor der Information, der Rest wuselte in den Läden herum. Ich frage mich, ob dieser Tag ein Glücksfall für den Buchladen im Bahnhof sei. Die vielen gestrandeten Messebesucher könnten dort versucht haben, ihren Frust zu entladen, indem sie einfach dort ihr Buchmesseerlebnis wahrnahmen und einen Verzweiflungskauf begingen. Gut gefüllt war er auf jeden Fall, könnte aber auch daran liegen, dass es dort wärmer als in der Haupthalle war. Mittlerweile hat mein Körper auch fast wieder Normaltemperatur erreicht, nur in meine Zehenspitzen ist das warme Blut noch nicht geflossen. Die Bahn, in der ich sitze, fuhr von Gleis 1a ab. Gleis 1a: Meine Rettung. Eigentlich sollte ich mich freuen, endlich eine fahrende Bahn erwischt zu haben. Jedoch macht mich die Abwesenheit der Fahrgäste misstrauisch. Egal, darüber will ich nun nicht nachdenken, auch wenn der sich ständig verändernde Bildschirm im Zug mein Unwohlsein verstärkt. Sei«s drum, ich genieße die Ruhe und Wärme der Fahrt, eine Story wird sich sicherlich schon finden. Mehr, mehr, mehr

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Feuer im Eis

Ilona Kröselberg ist Filialleiterin der beiden Janny’s-Eisdielen in Halle. Sie wirkt selbstbewusst und strahlt Dominanz aus. Jedes Kind, welches den Laden betritt, wird mit Vornamen angesprochen, die Lieblingseissorten ihrer Stammkunden kennt sie auswendig, und für einen kleinen Plausch ist sie immer zu haben. Sie leitet mit Erfolg ein Kleinunternehmen und wirkt doch immer gelassen. Wir fragen uns: Wie schafft sie das?

Foto: Katharina Jannes und Thibault Xhonneux

Wie haben Sie als Kleinunternehmerin angefangen?
Ich habe Drogistin beziehungsweise Einzelhandelskauffrau gelernt und habe dann 41 Jahre lang im Handel bei »Ihr Platz« als Bezirksleiterin in NRW gearbeitet. »Ihr Platz« eine Drogeriemarktkette, wurde von »Schlecker« gekauft und ist pleitegegangen. Dann musste ich mir mit 54 Jahren etwas anderes suchen. Ich habe durch Zufall gehört, dass die Eisdiele in Halle zu übernehmen wäre, und habe es dann einfach gemacht.

Welche Pläne haben Sie für sich und das Geschäft?
Ich habe die Eisdielen jetzt schon seit 4 Jahren und es macht mir immer noch Spaß. Am Anfang habe ich mir Sorgen gemacht: Habe ich alles richtig gemacht? Mittlerweile habe ich festgestellt, dass ich für diesen Job geboren bin. Drei Jahre muss ich jetzt noch arbeiten und würde dann pünktlich mit 63 Jahren in Rente gehen, weil ich denke, dass die Zeit gekommen ist. Ich suche bis dahin eine/n entsprechenden Nachfolger/in, die das Geschäft mit genauso viel Herzblut betreibt. Wenn es gut läuft, würde ich meinem Nachfolger/in gerne noch 2 Jahre unterstützend zur Seite stehen, sodass man auch nicht den Kontakt verliert zu den Kindern und jungen Menschen, die doch überwiegend hierher zu uns kommen. Mehr, mehr, mehr

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Wilderei auf Hoher See

Laut dem WWF und der MSC (Zertifizierte Nachhaltige Fischerei) werden pro Jahr fast 90 Millionen Tonnen Fisch und Meerestiere aus den Meeren geholt. Die International Union for Conservation of Nature and Natural Resources schätzt, dass ein Fünftel davon illegal gefangen wurde – ein Marktwert von 20 Milliarden Euro. Fischwilderei ist ein weltweites Problem, auch die Fischmafia beteiligt sich daran.

Foto: Tom Jenkins (CC BY-NC-SA 2.0),
flickr.com/photos/tomjenkins/274925480/

Eines dieser Mafiaschiffe war die »Thunder«. Wie das Schiff agierte und wer die Fäden im Hintergrund zog, versuchen die Journalisten Eskil Engdal und Kjetil Sæter in ihrem Buch »Fischmafia« herauszufinden. Die »Thunder« kam am 22. September 2003 auf die schwarze Liste der »Commission for the Conservation of Antarctic Marine Living Resources«. Dieses Fangschiff »wurde von Aufklärungsflugzeugen, Patrouillenbooten und legalen Fischtrawlern mindestens 19 Mal bei der Antarktis oder auf dem Weg zum Südpolarmeer und wieder zurück beobachtet«, schreiben Engdal und Sæter. Sogar die Hafenbehörden in Malaysia und Indonesien hatten es »fünfmal inspiziert oder abgewiesen.« Selbst Interpol fahndete nach dem Schiff. Trotz allem brachte die Jagd auf den Antarktisdorsch dem Eigner der »Thunder« über 60 Millionen Euro ein. Mehr, mehr, mehr

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Ist Hogwarts wirklich so magisch, wie es scheint?

Darüber, wie Bildung in Hogwarts vermittelt wird, machen sich vermutlich die wenigsten Leser*Innen der allseits beliebten Romanreihe Gedanken. Nicht so Melanie Babenhauserheide; sie schrieb ihre Dissertation im Bereich Erziehungswissenschaften über die Geschichte rund um die jungen Zauberlehrlinge in den Harry-Potter-Geschichten von J.K. Rowling. Hierüber hielt sie einen Vortrag in Halle, der von der Linken Hochschulgruppe organisiert wurde.

Illustration: Gregor Borkowski

Der Saal ist voll, ein freier Stuhl ist nicht zu sehen, aber ich finde gerade noch einen Stehplatz, und der Vortrag beginnt … Melanie Babenhauserheide verbindet Adornos Kritische Theorie mit Harry Potter. Im heutigen Vortrag geht es um den Umgang mit Regeln, Hierarchien und Autoritäten in Hogwarts. Der Vortrag ist locker gehalten, zwischendurch werden gemeinsam Textpassagen aus der Romanreihe gelesen. Trotz Ideologiekritik und gelegentlicher Überinterpretation nimmt Frau Babenhauserheide ihrem Publikum nicht die Freude an Harry Potter. Im Gegenteil, ihr Vortrag eröffnet vielmehr einen neuen Blick auf die Komplexität der Geschichte. Sie erzählt uns, dass die Reihe sogar zur Deutung eigener Schulerfahrungen der Leser*Innen beigetragen und bei manchen Lehramtsstudierenden bestimmte Ideale schulischer Erziehung abgebildet hat. Einige sehen zum Beispiel Professorin McGonagall als ihr großes Vorbild. Die Leser*Innen wünschen sich nach Hogwarts, in diese magische Schule, die so wenig mit unserer Realität zu tun hat. Mehr, mehr, mehr